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„Und was machst du dann eigentlich im Winter?“

Vor ziemlich genau einem halben Jahr habe ich mich von meinem letzten Ankerhaken – nämlich meinem festen Teilzeitjob – verabschiedet und bin nun also ohne Sicherheitsnetz als Fotografin tätig. So richtig mit selbst versichern und Steuern vorauszahlen und so. Die meisten Menschen reagieren sehr positiv darauf und eine der wohl am häufigsten gestellten Fragen ist, was ich denn dann eigentlich im Winter mache.  Da ich schwerpunktmäßig Hochzeiten und Portraits fotografiere eine durchaus berechtigte Frage. Denn beides findet im Großteil der Fälle eher dann statt, wenn man auch nach einer Stunde an der frischen Luft seine Extremitäten noch fühlen kann. Leider gehöre ich zu den wenigen Menschen, die den Winter jederzeit dem Frühling vorziehen würden, weshalb der Winter  auf jeden Fall eine ruhigere Zeit ist  – und das muss man erstmal lernen.

Alles ist natürlich für mich gerade das erste Mal. Die ersten Monate der Selbstständigkeit begannen mitten in der Hochsaison – dass meine Teilzeitstelle wegfiel habe ich nicht einmal richtig bemerkt, so schnell wurde die Lücke aufgefüllt. Rückblickend weiß ich ehrlich gesagt nicht, wie und ob ich dieses Jahr mit der Doppelbelastung überhaupt gestemmt hätte. Höchstwahrscheinlich mit einem irreparablen psychischen Knacks im Oberstübchen. Nach vielen Jahren des Dauerarbeitens war ich einfach bereit für etwas weniger (statt wie üblich immer nur mehr). Und nicht nur bereit, viel mehr habe ich einem Ertrinkenden gleich danach gelechzt. Und dabei ging es mir gar nicht um die reine körperliche Arbeit, sondern viel mehr um meinen Kopf und dem ständigen Hin- und Hergehüpfe zwischen zwei komplett verschiedenen Arbeitsbereichen. Multitasking gehört für mich zu den am meisten überbewerteten Dingen überhaupt. Und gerade im Jahr 2018 jonglieren wir ja gefühlt oft 50 Kugeln durch die Luft. Viel zu viel auf einmal. Weil so vieles also gerade noch in der Betaphase läuft, so ist auch dieser erste Winter eine komplett neue Erfahrung für mich: Mitte Dezember hatte ich so langsam alle laufenden Aufträge abgearbeitet und ich hatte doch tatsächlich Zeit, Weihnachtsgeschenke in Ruhe zu besorgen. Keine Hektik. Kein spätes durch die Stadt Gerenne. Keine verzweifelten Amazonkäufe. Ich begann meine Buchhaltung für das Jahr 2017 abzuschließen und fühle mich gerade wie der König der Welt, weil ich fast fertig bin.

Klar, man hat als Selbstständiger immer etwas zu tun und gerade die ruhigere Zeit muss dafür genutzt werden, viel Hintergrundarbeit zu leisten. Preiskalkulationen. Papierkram. Verträge. Kundengespräche. Webseiteninstandhaltung. Shootingplanung. Workshops.  Blablabla. Ich will hier niemanden langweilen. Was ich also sagen will ist: Man kann auch mal runterfahren. Und das ist es, was für mich zu Beginn (und bis jetzt) die größte Schwierigkeit war.  Nach so vielen Jahren, in denen man immer auf Achse war und gar nicht wusste, wie man alles an einem einzigen Tag schaffen soll, ist es ein verdammt merkwürdiges Gefühl, plötzlich einen Nachmittag frei zu haben. Oder sogar zwei Tage. Mein erster Gedanke war sofort – „Tu was, du kannst nicht so faul sein“ – und noch schlimmer war, dass ich Angst hatte, meine Mitmenschen könnten mich für faul halten. Die Stimmen im eigenen Kopf können ziemlich laut und fordernd sein.  Ihr kennt das sicher. Und während ich mich also selbst dabei ertappte, dass ich mich schlecht fühlte, mehr Freizeit zu haben, so hat mir dennoch mein Körper etwas anderes zugeflüstert. Nämlich „Dankeschön“. Danke für viel mehr Schlaf. Gesünderes Essen (ja Leute, ich arbeite dran). Dankeschön für spannende Bücher. Für einen zweiten Versuch mit Yoga. Und danke für eine Entspanntheit, die ich schon seit langem nicht mehr gespürt habe.

Vielleicht kennt der ein oder andere von euch dieses Gefühl, nur schwer abschalten zu können. Von wem ich gerade am meisten lerne ist unser Kater. Ernsthaft. Wenn jemand weiß, wie man sich entspannt und nur die Dinge tut, auf die man Lust hat, dann sind das Katzen.  Sie sind die wahren Zen Meister. Je mehr ich also diese flauschige Wesen beobachte, desto leichter fällt es mir, auch mal all die „Du solltest“ und „Du musst noch“ loszulassen und stattdessen meinem Körper lieb „Bitte, bitte“ zu antworten und mich darüber zu freuen, dass es gerade so ist wie es ist. Stressig wird’s nämlich in nicht allzu ferner Zukunft auch wieder ganz von alleine. Da sollte man sich ruhig ein wenig innere Gelassenheit auf Vorrat anlegen.

 

kaffeeliebe. immer und immer.

london im januar

neue lieblingsbrücke

 

wächter des tower of london

streets of soho

 

mein london tipp: der camdem market
super leckeres essen & tolle stände

Dankeschön, für’s Lesen.

© Foxografie

 

 

Kommentare

Du hast soo recht, viel zu oft bestimmen Stress und Hektik unseren Alltag. Mir hilft da Yoga und Meditation sehr, seitdem kann ich selbst in den schlimmsten Phasen relativ ruhig bleiben oder schnell wieder runter kommen. Schlaflose Nächte oder Probleme beim Einschlafen gehören zum Glück in den letzten Jahren bis auf wenige Ausnahmen der Vergangenheit an. Es ist so wichtig auf seinen Körper zu hören, statt sich irgendwelcher anerzogener oder selbstauferlegter Pflichten zu ergeben. Mir gelingt das auch nicht immer, aber seit ich besser hinhöre geht’s mir insgesamt viel besser. Auch mal zu Einladungen oder Veranstaltungen „Nein“ zu sagen entzerrt den sonst übervollen Terminkalender und lässt Kopf wie Körper zur Ruhe kommen. Ich wünsche dir weiterhin solche Phasen zum Auftanken und bald eine tolle neue Foto-Saison, ich liebe deine Bilder, ganz besonders die von dir im Header. Auch deine Website spricht mich sehr, muss auch mal meinem Blog eine Frischzellenkur verpassen und tolle Bilder von mir machen lassen.

Liebe Grüße, Silke

Liebe Silke!
Ich muss dir Recht geben – Yoga hilft mir auch unglaublich gut. Vor allem zur Selbstreflexion und das Erkennen von Mustern, in die man ja nur zu gerne immer wieder verfällt.
Ich danke dir von Herzen für die lieben Worte, würde mich freuen, dich zu fotografieren.
Alles Liebe.
Carolina

PS: Ohje, der eine Satz klingt als seist du nicht mehr kreativ. Das war nicht so gemeint 😀 Ich finde dich mit die kreativste Fotografin überhaupt! Wollte ich nur nochmal klarstellen 😀

Ahhhh, jetzt übertreibst du aber schmalos! Dankeschön!

Ach meine Liebe. Ich hab die letzte Zeit so oft an dich gedacht (eventl werd ich mich bald bezüglich einer Terminanfrage bei dir melden 😉 ) und jetzt hab ich dieses schöne Bild in facebook erspäht und wollte mir direkt mal wieder die Zeit nehmen eeeeendlich hier wieder ein paar Beiträge zu lesen. Und es ist so schön. <3
(Das ist ein traumhaftschönes Bild von dir, als würdest du einem direkt in die Seele gucken)

Ich kann mich sooo gut in deinen Beitrag reinversetzen und könnte alles mit einem "Ohja, das kenn ich" kommentieren.
Es fällt so schwer einfach mal nichts zu tun.
Ich finde es schön zu sehen, dass du das nach "so kurzer Zeit" für dich begreifst, dass solche Ruhephasen aber total wichtig sind und man sich auch dazu zwingen muss.
Ich hab das für mich erst jetzt nach fast 5 Jahren erkannt, nachdem ich sehr lange jetzt krank war (und ich war 5 Jahre nicht mehr krank, jetzt 4 Wochen am Stück).
Und es tut so unglaublich gut. Und weißt du was irre wichtig ist: Es macht dich wieder kreativ.
Weil in dem ganzen Stress und dem Druck kann das auch unter gehen.
Wenn man den ganzen anderen Fotografen folgt und sie durchgehend ackern sieht, dann fühlt man sich einfach schlecht, wenn man einmal nichts macht. Ich denke dann immer sofort "das ist bestimmt ein Zeichen dafür, dass ich faul bin." Und sie sagen einem immer "Wenn man macht, was man liebt, dann ist das keine Arbeit und man macht das gern" Ja, das mach ich auch. Aber ich nehm mir genauso gern Zeit für mich und finde das extrem wichtig. Wenn ich mich immer nur auf diese eine Sache versteife, die ich liebe, wie soll ich dann meinen Blick und meine Perspektive erweitern?! Du machst alles richtig und ich gönne dir die Ruhe. Wie du schon sagst: der Stress kommt ganz von allein bald wieder 😉

Guten Morgen!
Oh wie spannend – das wäre ja mal wundervoll, wenn aus der virtuellen eine ganz reale werden würde!
Dankeschön, das ist superlieb von dir. Ich muss sagen, dass es auch wirklich eines der ganz ganz wenigen ist, auf denen ich in die Kamera schaue und ich mich wohl dabei fühle. Haha, Fotografen sind ja selber oft die größten Hasenpfoten vor der Kamera.

Bei mir war das auch weniger eine Erkenntnis, glaub mir, so klug war ich nicht. Aber nach über 4 Jahren unter Daueranspannung hat mir mein Körper auch ganz eindeutig seine Grenzen gezeigt. Ich hatte so eine schlimme Haut und hab es nicht mehr in den Griff bekommen. Und ja, Druck ist auch der Tod der Kreativität. Ich hatte zu viel Angst, die Freude an allem verlieren zu können und erst dann habe ich einen Notstopp eingelegt. So sind wir Menschen eben: Erst handeln wenn es gar nicht anders geht.

Ich hoffe, dass du auf dem Weg der Besserung bist und dir ganz viel Gutes tust. Wir sind viel zu streng mit uns.

Vielleicht bis bald,
Carolina

super spannend. hätte auch total lust dazu mich selbständig zu machen, aber ich hab einfach null kunden, und so garkein Ahnung was man dafür alles machen muss 😀 find ich sehr cool wie du das beschreibst

Ich glaube das Geheimrezept ist einfach „immer weitermachen“. Irgendwann kommen die ersten Kunden. Und dann noch einer und noch einer.
Wenn es Spaß macht, ist der Weg schon das Ziel, so platt wie dieser Spruch auch ist. Aber dann hat man die Kraft und die Freude, immer weiterzugehen. Daran glaube ich fest.

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