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Es war vor ziemlich genau zwei Jahren, als ich das erste Mal auf die Nordsee blickte. In Brügge war das. Dort war es, als ich mich dazu entschieden hatte, meinen Job bei der Zeitung aufzugeben und komplett selbstständig als Fotografin zu arbeiten. Und auch, wenn es nur noch eine Teilzeitstelle war, von der ich mich trennte, so war es doch ein großer Schritt. Vielleicht verbinde ich deswegen die Nordsee mit sehr starken Gefühlen. Auch diesmal war es wieder ein besonderes Mal: Mit dem Hund zum ersten Mal am Meer. Seine Freude über die Einfachheit der Dinge überträgt sich jedes Mal auf mich und ich liebe es, ihm einfach nur dabei zuzusehen, wie er die Welt erlebt.

Die Einfachheit der Dinge zu schätzen und uns an dem zu erfreuen, was wir haben, statt an dem, was wir gerne hätten. Das können wir nicht so gut. Wir haben zwar jede Menge kluger Zitate und Sprüche dafür – à la „es sind die Kleinigkeiten, die zählen“ und „lebe jeden Tag als wäre es dein letzter“. Doch im Prinzip ist der Sog des Alltags und der Gewohnheitsfaktor an das eigene Leben viel zu stark, um täglich so richtig auf die Kacke zu hauen als ob man morgen abtreten würde. Zwischen dem Posten weiser Worte und der tatsächlichen Ausführung liegen dann doch eben die Realität und unser menschlichster Trieb: der Egoismus. Und natürlich wären wir Menschen auch nicht da, wo wir heute sind – an der „Spitze“ der Nahrungskette – hätten wir uns damals mit der Erfindung des Feuers oder einer festen Behausung zufrieden gegeben. Kein Homo Sapiens hätte da wohl gesagt (bewusst oder unbewusst): Oh ja, jetzt ist es gut so. Mehr brauchen wir nicht. That’s it. Äh nö. So sind wir nicht. Unser innerster Kern besteht aus dem Streben nach Fortschritt, Verbesserung oder einfach der bloßen Veränderung an sich. Irgendwie scheint es ein Gen in uns zu geben, dass mit leiser Stimme in unser Ohr flüstert, was wir noch erreichen könnten. K ö n n t e n . Ein Zukunftsgedanke. Hoffnung. Wünsche. Und doch auch Gewissenberuhigung für all die Dinge, die theoretisch möglich wären, aber dann doch niemals geschehen. Für all das, was wir noch tun könnten. Wenn nur nicht. Ja, wenn da nur nicht diese Hindernisse wären. Zeitmangel. Stress. Angst. Faulheit. Dinge verschieben können wir zum Beispiel sehr gut. Morgen ist auch noch ein Tag – so heißt es oft, nicht wahr? Und wie findet man es nun, das so oft gesuchte Gleichgewicht oder diesen rechten Weg, von dem alle immer sprechen. Sollen wir nun immer fortschreiten und möglichst wenig stehen bleiben oder ist ein glückliches Leben ohne Antrieb und Veränderung gar nicht möglich? Wann sollte man weiter laufen- wann stehen bleiben? Sind es nun die kleinen Dinge im Leben, die das große Glück ausmachen (auch so eine Redensart) – oder ist das wieder nur einer dieser klugen Sätze, die in der Umsetzung aber gar nicht richtig funktionieren. Fragen über Fragen.

Mit all diesen Gedanken in meinem Kopf sitze ich bei 37 Grad Außentemperatur vor meinem PC und grüble. Vielleicht ist es auch die Wärme, die mein Gehirn wie eine vertrocknete Dattel zurücklässt und dafür sorgt, dass die letzten Gedanken zumindest einigermaßen tiefgründig sein sollten. Währenddessen liegt mein Hund Sarú auf dem relativ kühlem Boden neben meinen Füßen und leistet mir beim Tippen Gesellschaft – glücklich und zufrieden in meiner Nähe zu sein. Höchstwahrscheinlich macht er sich gerade keine Gedanken darüber, was ihm zu seinem Glück noch fehlen könnte oder was Glück überhaupt sein soll. Und schon gar nicht, ob man nun weitergehen oder stehen bleiben soll. Er befindet sich komplett und ausschließlich im Hier und Jetzt. Weil er gar nicht anders kann. Wir aber schon. Wir leben in drei verschiedenen Zeiten gleichzeitig: In dem was war, dem jetzt und dem, was kommen könnte – dafür sorgt ein Areal unseres Gehirns, das sogar einen Namen hat: Der Neocortex. Der ist bei uns deutlich ausgeprägter und sorgt dafür, dass wir denken, träumen und uns über komplexe Themen wie die Glücksfrage überhaupt unterhalten können. Und genau deswegen werden wir niemals so leben können, als wäre jeder Tag unser letzter. Weil wir einfach gar nicht anders können. Ausschließlich im Moment zu leben wäre, als würde man versuchen aufzuhören, Mensch zu sein.

Heißt das nun, man sollte aufhören sich verändern zu wollen, indem man akzeptiert, dass alles Veränderung ist? Weil man ja so ist, wie man ist? Ich denke jein. Ich bin tatsächlich der Meinung, dass man viel öfter versuchen sollte, Dinge und Menschen zu akzeptieren, wie sie eben sind. Was wir aber außerdem tun können ist, uns inspirieren zu lassen von all jenen, die diese Fähigkeit besitzen: Unsere Tiere. Sie leben die Einfachheit der Dinge, ohne dabei von Gedankenströmen überflutet zu werden. Sie werten nicht. Sie leben einfach. Und führen uns vor Augen, wie es sein k ö n n t e , würde man vollkommen im Moment leben und dieses Gefühl können wir für uns mitnehmen und uns vielleicht eine kleine Scheibe davon abschneiden. Nur für einen Moment. Oder zwei.

Den Helder 2019, Netherlands
© Foxografie

P.S. Wer Lust auf den ersten Nordseebeitrag hat, kann hier vorbeischauen.

Kommentare

Hey Füchschen,

tatsächlich beschäftige ich mich gerade sehr viel mit dem Thema, weil ich mich der Gesundheit wegen viel mit gesundem Gleichgewicht, Lebenseinstellungen, dem Weg zum Glück, etc. auseinandersetze.
Immer wieder heißt es dort, dass man sich genau diese Eigenschaft aneignen sollte, um glücklich zu sein: Im Hier und Jetzt leben.
Man soll nicht immer über die Vergangenheit grübeln und alles überdenken, den Ballast soll man abwerfen und hinter sich lassen.
Genauso, soll man die Zukunft entspannt und ohne Angst davor angehen, weil man sich sonst blockiert.
Man soll bewusster das Hier und Jetzt erleben und mit dem glücklich sein, was um einen herum herrscht. Dazu gehört auch ein viel stärkeres Bewusstsein für die Dinge, um uns herum und ein bewussteres Erleben.
Ich versuch das jetzt seit ein paar Monaten und manchmal gelingt mir das besser, manchmal schlechter. Ich hab aber gemerkt, dass ich dadurch aber schon viel ausgeglichener und zufriedener geworden bin. Und es verändert extrem meine Einstellung zu vielen Dingen und mit bestimmten Situationen umzugehen.
Auch mein Konsumverhalten. (Dazu gehört zB, dass ich viel weniger konsumiere und viele Dinge, die ich einkaufe, stärker überdenke.) Ich kaufe bewusster. Ich genieße bewusster. Ich lebe bewusster und mach viel mehr von den Dingen, die mir gut tun. Ich lebe nicht mehr um zu arbeiten, auch wenn ich meinen Job liebe, aber ich schau dass ich mir Grenzen setze. Denn – natürlich muss ich mich ernähren – aber ich mach mich deswegen nicht mehr verrückt. Was bringt mir das ganze Arbeiten, wenn ich dann keine Zeit mehr habe zum Leben. (Dazu gehört dann wiederum auch, dass ich bewusster die Jobs wähle, die ich auch wirklich machen WILL). Wenn man das jeden Tag ein paar Minuten einplant (also zB mal ganz bewusst jeden Bissen schmecken, riechen, fühlen; mal kurz innehalten und lauschen; etc.) dann lebt man auch Schritt und Schritt mehr im Hier und Jetzt.

Ich glaub, dass wir auch sehr vieles antrainiert bekommen haben. Die ständige Angst vor der Zukunft zum Beispiel, die allgegenwärtig ist. Der Druck, der um einen herrscht, der einen dazu verleitet noch erfolgreicher, berühmter, etc. werden zu wollen. Mal vom Kapitalismus abgesehen 😛 😀 (Der ständige Wandlungsdrang und der Drang nach immer Neuem ist mittlerweile eben doch auch eine Todeserklärung für unsere Umwelt geworden. Und ich glaube, dass wir – wenn wir mehr schätzen würden, was wir haben und uns mit Einfacherem zufrieden geben würden, nicht nur uns, sondern der ganzen Welt einen Gefallen bereiten würden).
Ich glaub es ist einfach wichtig, sich darüber bewusst zu sein. Zu reflektieren, sich aber gleichzeitig nicht von der Vergangenheit blockieren lassen. Daraus lernen und weiterleben. Glücklich sein für das Hier und Jetzt und all dem, was das Hier und Jetzt ausmacht. Wenn der Sinn des Lebens für einen selbst ist, glücklich zu sein, dann bleibt einem nichts anderes übrig. Weil einen das ewige Kopfzerbrechen irgendwann auch nicht weiter bringt, ist ja nur ein innerer Monolog, der im Kreis führt.
Und zu sagen „Wenn dann mal…. dann…“ hat noch nie geholfen, um glücklicher zu werden.
Ich glaube man braucht es, um voran zu kommen, um sich zu entwickeln, um zu lernen – aber viel öfter mal Bewusstsein schaffen für die Dinge, die aktuell um dich herum sind, für die du Dankbar bist, etc. macht dich über kurz oder lang mit Sicherheit ausgeglichener.

So, ich lass mal wieder gut sein 😀
Die Bilder sind wieder ein Traum. Das Walle-Walle Kleid *.* und Sarú hat mein Herz ja schon in der ersten Sekunde erobert. Wahnsinn wie er wächst und wächst.

Ja, da hast du Recht, das Thema „im hier und jetzt leben“ ist in der letzten Zeit ein sehr lautes geworden. Aber irgendwie stolpere ich da jedes Mal über etwas, deswegen auch der Blogpost und die Frage, ob wir überhaupt daszu im Stande sind. Ich habe da wirklich meine Zweifel. Und irgendwie wird eine Komponente immer so ganz und gar außen vorgelassen: Warum schließt immer das eine das andere aus. Kann ich nicht das Hier und Jetzt genießen und dennoch auch an die Zukunft denken oder die Vergangenheit im Gepäck tragen? Oft klingt das so negativ, wenn man in der Vergangenheit hängt, dabei steht man ja als der Mensch da, der man eben ist – wegen der Vergangenheit.
Das sind natürlich auch nur meine bescheidenen Überlegungen und ich bin mit dir einer Meinung, dass uns der Großteil unseres Verhaltens vorgelebt wurde und natürlich auch nicht immer alles davon nur gut ist. Dinge zu tun, die einem gut tun und vor allem milde und liebevoll zu sich selber zu sein, ich glaube das ist die größte Aufgabe überhaupt. Nicht unterzugehen im Alltag und der Routine – und das hat vielleicht gar nicht so viel mit dem „Hier und Jetzt“ zu tun, sondern viel mehr mit uns ganz allein.

Drücke dich. Wie immer wundervoll deine Gedanken zu den Dingen zu lesen. ♥

Und so ist der Mensch durch beides vereint. Der Drang zur Einfachheit und der gleichzeitige Wunsch nach mehr. Aufbruch und Ankommen. Losgehen und bleiben. Und gerade diese Polarität macht das menschliche Leben so spannend, denke ich. Schön geschrieben. Wundervolle Fotos.

Besser hätte ich es nicht zusammenfassen können.
Danke dafür ♥

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