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„Alles gut bei dir?“
Ja, warum?“
Na weil du gestern nicht mehr zurückgeschrieben hast.“

Wir schreiben das Jahr 2017. Eine Zeit, in der inzwischen fast jeder von den 24 Stunden eines Tages auch genau diese Zeit erreichbar ist. Egal wo man sich befindet – im Bett, auf der Arbeit, beim Spazierengehen, beim Abendessen oder im Urlaub. Vollkommen egal, man muss nur die Nummer wählen oder den WhatsApp Chat öffnen, um jemanden innerhalb kürzester Zeit eine Nachricht zu schicken – die ebenso mühelos und meistens postwendend beantwortet wird. Zu viele Nachrichten ungelesen lassen? Nein, das stresst auch wieder, weil man weiß, das man noch so vielen antworten muss. Also lieber doch sofort.  Und immer öfter geht der Blick auch auf das kleine leuchtende LCD Display, selbst wenn es eigentlich gar nichts zu schreiben oder zu antworten gibt. Wartende Autos an der Ampel – hinter den Scheiben fast überall nach unten geneigte Köpfe.  Zwei Minuten Wartezeit an der Supermarktkasse – Hände greifen suchend in die Hosentasche. Fast schon automatisch. Das Handy ist schon lange nicht mehr nur ein Telefon. Es ist Kamera, Taschenrechner, Wecker (kein Witz, vor kurzem hatte ich kein Handy dabei und habe festgestellt, dass ich einfach keinen verdammten Wecker mehr daheim habe) Telefonbuch, Kontakt zur Außenwelt und vor allem eines: Pausenfüller. Ein Pausenfüller für jede Minute unseres Lebens, in der wir uns unbeschäftigt oder allein fühlen.

Dieses Jahr war ich im Juni auf einem Phil Collins Konzert. Wer schon mal in der Kölner Lanxess Arena war, weiß, dass die verdammt groß ist. Neben mir saß da also eine Frau mittleren Alters, die während der gesamten Konzertdauer mindestens 20 Mal  ihr Handy aus der Tasche zog, einen Blick darauf warf, ob irgendeine markerschütternde Nachricht sie erreicht hatte und es dann wieder wegsteckte. Mit jedem Mal, in dem mir das helle Leuchten des LCD Displays ins Gesicht leuchtete wurde ich wütender. Sie gehört zu jener Gruppe Menschen, die 15 Mal das gleiche Foto machen, die alle gleich kacke aussehen und die  zudem nie wieder angesehen werden. Denn mal ganz ehrlich: Wer schaut sich denn ein fast schwarzes Bild mit einer gefühlt 8 Kilometer entfernten Bühne an, mit einem kleinem Punkt darauf (Phil Collings übrigens) – und das auch noch 15 Mal. Nebenbei berichtete sie ihrer Freundin via What’s App, dass sie gerade auf dem Konzert sei und es einfach großartig wäre. 20 Mal sinnloses Handy rausholen, Handy wegpacken. 15 Fotoversuche. 13 WhatsApp Nachrichten. Das macht ungefähr eine dreiviertel Stunde Lebenszeit. Phil Collins sang eineinhalb Stunden.

Ich weiß, ich klinge gerade wahrscheinlich wie ein wütender Weihnachtsgrinch und eigentlich sollte dieser Blogbeitrag keine Hassrede gegen ein Gerät werden, dass ich ja selber ziemlich frequentiert nutze. Aber (und vorab die Entschuldigung für die Wortwahl) es kotzt mich wirklich ziemlich oft massiv an. Natürlich liegt es auch daran, dass bei mir geschäftliches und privates auf einem Gerät zusammenfließt. Dann türmen sich Nachrichten gerne mal auf sämtlichen Kanälen. Und das ist ja auch ok so – aber halt nicht 24 Stunden am Tag. Vielleicht wisst ihr, welches Gefühl ich meine: Es ist eine Hassliebe. Das Handy ist nützlich, man kann schnell Bescheid geben bei Änderungen, Notfälle melden. Bilder vom Weihnachtsfest schnell an Omi schicken, die 300 Kilometer entfernt wohnt.  Aber es bindet auch. Und setzt unter Druck. Ja, manche Nachrichten beantworte ich nicht sofort. Weil sie unwichtig sind. Weil es Fragen sind, die einen kilometerlangen Text erfordern würden (und ich hasse tippen – weshalb ich dann ohnehin anrufe) oder, weil ich einfach im Moment keine Lust habe.  Vielleicht, weil es 22:34 Uhr ist. Oder ich gerade ein Buch lesen will. Oder auch einfach so. Auch wenn zwei kleine blaue Pfeilchen dem anderen anzeigen, dass man die Nachricht gelesen hat. Ist das nun mein persönliches Recht oder einfach nur unhöflich? Warum fühle ich mich eigentlich überhaupt schlecht und unhöflich, wenn ich nicht direkt antworte (Dramen vieler Liebesbeziehungen – „Aber er hat es auf jeden Fall gelesen, schau – zwei blaue Häckchen!“). Wie schön waren doch da die Zeiten, als man sich noch einreden konnte, dass der andere die SMS vielleicht nur noch gar nicht bekommen hat. Weniger Wunschdenken, mehr blaue Pfeilchen. Hallo, 2017.
Ich bin auf jeden Fall sehr auf den weiteren Geschichtsverlauf gespannt. Mögliche neue Berufszweige sind sicherlich Social Media Suchtberater. Oder auch Leiter eines Digital Detox Retreats. (Könnte mir vorstellen, dass es das auch schon gibt). Und ich kann nicht anders, als da ein klein wenig herumzugrinchen. Vielleicht stellt ihr euch das Ganze noch mit einer gen Himmel gereckten Faust und drohenden Miene vor, während sich im Hintergrund ein Gewitter zusammenbraut. Zwecks der Dramatik. Denn letztendlich geht es doch vor allem um das, von dem wir uns nicht mehr kaufen können. Nicht mehr davon wünschen können. Nichts bestimmen können. Unmöglich rückgängig zu machen: Unsere Zeit. Und während die tatsächliche Zeit für jeden die selbe ist, spreche ich von der gefühlten. Eine Woche hat sieben Tage. Ein Tag hat immer 24 Stunden. Das ist so. Aber gefühlt, kann ein Tag drei Minuten oder auch drei Tage lang sein. Und wie wir unsere Tage füllen, das können wir sehr wohl bestimmen.


„Alles gut bei dir? Bist du sauer?“

Es ist alles gut. Ich bin nicht sauer.
Ich will einfach nur mal nicht immer verfügbar sein.
Weniger blaue Pfeilchen, mehr Zeit.
Mehr gefühlte Zeit – daran will ich arbeiten.

 

 

Von den Katzen kann man sich im Bezug auf leben und entspannen mal was abschauen. Wahre Zenmeister.

 

© Foxografie

Kommentare

Ich stimme deinem Text 100% zu und ich wünschte, es gäbe noch viel mehr solcher Wuttexte. Letzte Woche habe ich mein Handy Zuhause 5 Tage vergessen (arbeite unter der Woche in Frankfurt) und habe es NICHT VERMISST. Ich habe mir abgewöhnt, mich für verzögerte Antworten zu entschuldigen oder rechtzufertigen. Wenn ich bspw. meine Fotografien fertig für meine Kunden habe und erst 3 Tage später antworte, gehe ich NICHT DARAUF EIN, warum ich 3 Tage später antworte. Sondern antworte freundlich: „Hey XYZ, ich hoffe du hattest eine schöne Woche. Hier der Link zu den gewünschten Fotos …usw. “ Und NOCH NIE hat jemand gemault oder ein Fass aufgemacht, warum ich verzögert antworte. Ich bin es so leid, mich zu erklären. Und ich habe vor allem im letzten Sommerurlaub erkannt, dass wir unsere Prioritäten im Leben an falscher Stelle setzen. Wer wirklich dringend etwas von mir braucht, ruft an. Ende. Und so erziehe ich auch die Menschen in meinem Umfeld. Eine Erziehung zur Entschleunigung des Alltags. Danke für deinen Appell an die Gesellschaft! Du hast den Artikel sehr schön aufbereitet.

Hi Christin!
Dankeschön für deinen Kommentar.
Das mit dem anrufen ist ein guter Punkt. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich mir mit anderen 100 Sprachnachrichten hin- und herschickte. Für mich besser als tippen – aber dann dachte ich mir „Also da kannst du auch gleich anrufen“. Und das mache ich jetzt auch so. Erziehung zur Entschleunigung des Alltags. Klingt gut. 🙂

So wahr!
Ich selbst fühle mich immer unglaublich gestresst wenn ich weiß, dass ich Nachrichten habe und nicht sofort antworte, einfach weil ich denke, dass Person xy dann genervt von mir ist (was SO schwachsinnig ist!). Vor ein paar Wochen war ich sogar so genervt von Whatsapp, dass ich die App kurzerhand gelöscht (und drei Tage später doch wieder installiert) hab.
Auch das mit dem Konzert kann ich extrem nachvollziehen. Letztens stande bei einem ein größerer junger Herr vor mir und hat einfach von 1,5h Konzert eine Stunde mitgefilmt, sodass ich die Künstlerin nur noch durch einen Handybildschirm sehen konnte – Ich war froh, als er dann nach ein paar Liedern ein Stück weiter nach rechts gedrängt wurde…
So krank diese Welt!

Ja, man muss sich da ehrlicherweise zuerst wohl selber an die Nase fassen! 😉
Ich bin ja der Meinung, man sollte Filmen während Konzerten generell einfach verbieten.

Diese Suchtberater für Digital detox gibt es tatsächlich schon, hab ich mal nen Bericht drüber gesehen…

Haha, das habe ich mir doch schon fast gedacht! 😀

Ich kenne das Gefühl zu gut, jetzt gerade leuchtet oben noch ein kleines Symbol. Email einer Braut, die mir Freitag Abend, kurz vor Mitternacht noch schreibt.
Daneben Facebook, WhatsApp, eine seltene Sms. Es hat lange gedauert und ich bin noch nicht ganz konsequent,aber die Email wird erst morgen gelesen und beantwortet. Und bei WhatsApp hab ich vor ein paar Wochen mal die blauen Haken ausgeschaltet. Am Anfang ungewohnt, aber dann ein Gefühl von Leichtigkeit. Und man stellt bald fest, es geht nicht die Welt unter, wenn man erst am nächsten Tag antwortet. 🙂

Ah schau, da habe ich wieder etwas gelernt – ich wusste gar nicht, dass man die ausschalten kann!
Das ist immer diese Sache mit dem beruflichen und dem privaten auf einem Handy. Aber zwei Handys sind halt irgendwie auch immer so nervig.
Ich glaube auch, man muss sich da selber Stück für Stück ein wenig Konsequenz beibringen.

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