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Stillen ist Liebe.
Wie oft ich diesen Satz gelesen habe, seitdem ich Mama bin. Unter Beiträgen auf Instagram. In Magazinen. Auf Plakaten. Frauen, die selig lächelnd ihr Kind an der Brust halten. Versteht mich nicht falsch, ich finde stillen wundervoll und habe meinen Sohn mehr als eineinhalb Jahre lang gestillt. Bis auf sehr schmerzhafte erste drei Wochen immer ohne Probleme, wofür ich sehr dankbar bin. Doch nicht immer läuft das so einfach ab.
Das Stillen ist eine komplexe Sache und mir ist aufgefallen, dass es so einige gesellschaftliche „Regeln“ dazu gibt. Während der Schwangerschaft wird es kaum thematisiert und irgendwie scheint auch angenommen zu werden, dass es dann einfach schon so läuft. (Spoiler: Tut es oft nicht. Ich sage nur Brustentzündung) Nach der Geburt wurde ich regelmäßig gefragt: „Du stillst aber schon, oder?“. Jeder meint es natürlich nur gut, auch so Sätze wie „Es gibt nichts besseres für dein Kind“ – dennoch ist es unüberlegt.
Denn „Du stillst aber schon, oder?„, fühlt sich auch gleichzeitig nach einem müssen an. Schließlich ist alles andere schlecht für dein Kind und das kannst du ja wohl als liebende, verantwortungsvolle und stets informierte Mutter nicht wollen, ODER?
Es gibt nichts besseres für dein Kind. Huch. Das ist mal ’ne Aussage. Und ich widerspreche hier ganz klar und sage: „Doch, es gibt sehr wohl etwas besseres!“ Es gibt etwas, das noch wichtiger als Muttermilch ist – nämlich eine gesunde, glückliche und ihrer mentalen und physischen Kraft ruhende Mutter. Es gibt nichts besseres für dein Kind. So nämlich müsste dieser Satz lauten.
Denn alles, wirklich alles steht oder fällt damit, ob es einer Mutter gut geht. In der Regel wird das Baby stets an die erste Stelle gestellt. Das ist schon ganz oft während der Schwangerschaft so und auch bei vielen Geburten. Und ja, natürlich ist das Kindswohl unglaublich wichtig – sollte es um akute Lebensgefahr gehen, brauchen wir nicht darüber reden, was Vorrang hat. Aber nach ganz vielen traumatischen Geburten für Frauen liegt die einzige Verarbeitung in dem Satz „Naja, aber jetzt hast du ja dein Kind, ist ja alles gut gegangen“. Ich habe tatsächlich Monate gebraucht, um meine Geburt und die Tage danach zu verarbeiten, weil so viel schief gegangen ist. Kurz vor dem Notkaiserschnitt wurde es bei mir unglaublich gewaltvoll, Saugglocke, Ärzte die sich mit voller Wucht auf meinen Bauch werfen, Geschrei. Das Kind direkt weggenommen nach Geburt. Und ja, mein Sohn ist da und er ist gesund. Für mich selbst war nichts wichtiger. Aber die seelischen Schmerzen müssen heilen dürfen. Und auch das ist so wichtig. Vielleicht sogar genau so wichtig wie alles andere. Dafür fehlt in unserer Gesellschaft oft noch der Raum. Aber es wird besser, das allein zeigen die steigenden Zahlen in Geburtshäusern und Hausgeburten. Der Wunsch nach mehr Vertrauen, Zeit und seelischer Unterstützung wächst bei uns, wenn wir uns mit dem Thema Geburt beschäftigen.

Aber zurück zum Stillen und den vielen Regelungen dazu. Nach der Geburt bekommen wir Frauen das Gefühl stillen zu müssen. Das macht Druck. Denn nicht immer k a n n stillen. Und auch nicht immer m ö c h t e man stillen. Und alles darf so sein, wie es eben ist. Wir verurteilen so gerne. Das passiert fast automatisch. „Wahrscheinlich hat sie sich einfach nur nicht genug angestrengt“. „Bei mir hat’s doch auch irgendwann geklappt“. Seien wir ehrlich, wir alle haben sofort eine Meinung in unserem Kopf. Was in Ordnung ist. Aber vielleicht sollte sie genau da öfter mal bleiben: In unserem Kopf. Denn in den meisten Fällen wissen wir nicht, was alles hinter einer Entscheidung steht. Doch es ist ja so: Wenn wir selber die Meinung von jemanden wissen möchten – dann sollten wir einfach fragen. So leicht eigentlich.

Was mir auch aufgefallen ist: Stillen soll man auf jeden Fall nach der Geburt, dann gibt es aber scheinbar eine magische Grenze zu geben- nämlich so in etwa der erste Geburtstag – ab der sich die Haltung ändert. Ab da hieß es dann nämlich nicht mehr, „du stillst aber schon noch, oder?„, sondern „ach, du stillst immer noch?“. Aha, denke ich mir zu dieser Zeit. Jetzt sollte ich also anscheinend so langsam aufhören. Bin ich komisch? Ich beginne, Artikel zum Thema Abstillen zu lesen. Informiere mich, wie das so geht. Und gleichzeitig fühle ich es aber so gar nicht. Ich will eigentlich gar nicht aufhören, sage ich mir irgendwann – also hör verdammt nochmal auf dir diese ganzen Kram reinzuziehen. Es ist noch nicht soweit. IHR BEIDE seid noch nicht soweit. Abstillen sollte man, sobald man das Bedürfnis danach hat und nicht, weil andere Leute einen fragen, ob man denn immer noch stillt.

Lasst uns hiermit einfach nochmal daran erinnern, dass wir unsere wertenden Meinungen für uns behalten. Ja, stillen ist Liebe. Nicht stillen aber auch. Eine Mutter liebt ihr Kind nicht weniger, weil sie ihm die Flasche gibt. Jeder Mensch hat seine Gründe die Dinge so zu tun, wie er sie eben tut.
Denn das Allerwichtigste ist eine Mutter, die einfach sein darf. Die nicht permanent belehrt, verbessert, ermahnt und beratschlagt wird. Eine Frau, die sein darf ohne Schuldgefühle und der es gut geht. Körperlich und mental. Dann – und nur dann, kann sie die für ihr Kind beste Mutter sein.

Wundervolle Bilder aus meinen Neugeborenen Sessions.
Kontaktiert mich jederzeit, wenn ihr auch den Wunsch nach Erinnerungen aus dieser Zeit habt.

Kommentare

Hallo Carolina
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll meine Geschichte zu erzählen. Ich bin Manuela, Schwester von Andi Beyer.

Mein Sohn Johann kam am 23.09.2021 zur Welt. Für mich stand fest – ich stille! Schließlich ist stillen das beste für das Kind, und wenn man will dann klappt es auch! Und alle die sagen, sie hätten es versucht, haben sich nicht wirklich bemüht, oder?

Natürlich hab ich Bücher wie artgerecht oder Hebammen Sprechstunde gelesen. Das hat
Mich nur noch mehr gestärkt, bzw. Im Nachhinein viel zu sehr unter Druck gesetzt. Ich wurde eines besseren belehrt und kämpfe heute noch damit.

Johann hat nach der Geburt zu viel abgenommen, und ich hatte keine Milch. Das anlegen hat
Nicht geklappt, aber ich dachte mir du musst dich einfach nur mehr anstrengen.

6 Wochen lang sah mein Alltag so aus: Alle zwei bis drei Stunden das Kind wecken, denn von allein wurde er selten wach. Dann wiegen, stillen, wiegen, zufüttern – über ein brusternährungsset versteht sich und danach abpumpen, dass die Milch zu Fließen beginnt. Dazu kamen noch sogenannte power pumping sessions, in denen ich über mehrere Stunden immer zehn Minuten gepumpt habe und dann wieder zehn Minuten Pause gemacht hab. Das habe ich zum Teil sogar nachts gemacht, weil mein Kind da schlief und ich keinem auf die Nerven ging.
Ich habe jeden Tag geweint, vor Erschöpfung, vor Traurigkeit, wegen der Tatsache, dass das jetzt mein Leben ist. Ich war am Ende. Das ist mama sein?
Kurz vor einer Untersuchung hat mein Mann gesagt ich soll jegliche Kontrollinstrumebte weglassen und nur stillen. Das habe ich getan, Johann hat wieder abgenommen. In Panik habe ich meine Hebamme angerufen – natürlich mit schlechtem Gewissen – was wird sie nur von mir denken? Ich habe ihr gesagt ich kann nicht mehr! Ich pumpe nur noch ab.

Das habe ich dann getan – 6 Monate lang, erst 8 mal am Tag, dann 7 mal … die Milch wurde langsam mehr, sodass ich Johann fast ausschließlich mit Muttermilch ernähren konnte.

Ich schäme Mich noch heute, dass ich es nicht geschafft habe, dass ich aufgegeben habe, dass mein Sohn nicht das beste bekommen hat, dass ich nicht zumindest abgepumpt habe, solange er Milch trinkt.

Ist das nicht ein Wahnsinn? Ja Muttermilch ist toll – aber den Preis den ich zahlen musste, dass er zumindest das für eine Zeit bekommt war hoch. Manchmal frag ich mich, ob er es wert war. Wenn ich an diese Zeit zurück denke, denke ich nicht an kuscheln und kennen lernen, sondern an stillen, stillen, stillen. Es hat für mich so viel kaputt gemacht.

Ich weiß jetzt, dass es hätte klappen können, aber der Druck, den ich mir selbst gemacht und der aber auch von außen kommt, den habe ich nicht stand gehalten.

Ich habe so oft Trost gesucht, im Netz oder sonst wo. Aber den hab ich nur bedingt gefunden, denn stillen ist das beste für das Kind – dabei scheint es mir egal zu sein, wie es der Mama geht.

Deshalb – vielen Dank für deinen Beitrag. Für mich ist er Balsam für meine Seele. Ich frage mich, wann diese Wunde heilen wird.

Alles Liebe
Manuela

Hallo liebe Manuela!

Vielen Dank für deine Zeit und den Mut das alles in Worte zu fassen. Ich weiß, wie schwer das sein kann. Und mensch, du musstest ganz schön viel mitmachen und so stark sein. Es tut mir so Leid, wenn ich lese, wie anstrengend diese Zeit für dich war und hoffe umso mehr, dass du jetzt – Stück für Stück – deinen Frieden finden kannst, das es so gelaufen ist. Manchmal weiß man im Nachhinein eben, „das war kacke so, das mache ich beim nächsten Mal anders“, wir können dankbar für diese Lektion sein und dürfen zeitgleich auch ganz milde mit uns sein. Wir können eben nur immer im jeweiligen Moment entscheiden. Und manchmal war’s genau Richtig, manchmal so gar nicht, und ganz oft ist es auch etwas dazwischen.

Ich freue mich sehr, dass dir mein Beitrag ein wenig von dieser Last nehmen konnte. Sei gut zu dir.

Carolina

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