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Tschüss, 2021. Das war es dann also mit uns beiden. Zugegeben, es war nicht in allen Punkten das, was ich erwartet oder zumindest gehofft hatte, aber gut, so ist das mit den Erwartungen. Ein Glück, das wir zu Beginn von C nicht wussten, was uns erwarten würde – wobei, das gilt wohl so ziemlich für das meiste in der Zukunft liegende. Ich will einfach gar nicht wissen, wann ich mal wieder einen Herpes habe, wann die gesamte Familie das nächste Mal mit Magen Darm flachliegen wird oder wann ich endlich einen Handstand hinbekomme. Die Antworten könnten mitunter frustrierend sein, aber ich schweife ab. Auch abgesehen von einer Pandemie, hatte das vergangene Jahr eine neue große Herausforderung für mich: Ich wurde Mama. Dieser simple Dreiwortsatz beinhaltet eine gewaltige Dimension verschiedenster neuer Gefühle, Unsicherheiten und auch einigem an Konfliktpotenzial: Da wächst ein echter Minimensch in dir heran, mit Herzschlag, verdammt langen Wimpern und zwei Armen und Beinen, über eine Nadelschnur mit dir verbunden – ein perfektes System. Und dann bringt man diesen Minimensch auf die Welt, erlebt eine Geburt, bis heute die krasseste Erfahrung meines Lebens. Das ist schon allerhand meine ich, aber alles folgende ist eigentlich nicht minder besonders. Vor allem ist es aber eines: Neu.

Neu ist, dass du plötzlich die totale Verantwortung für ein absolut nicht allein überlebensfähiges Wesen hast. Neu ist, dass dein alter Lebensrhythmus Geschichte ist und du ab jetzt vollkommen fremdbestimmt deinen Tag, deine Kaffeedates und deine Duschzeiten planen musst. Und neu ist, dass du deinen Job, in dem du zuvor viele Stunden zugebracht hast, erstmal nicht mehr wie zuvor ausüben kannst.


.…als sich im Januar 2021 alles änderte

Jahrelang war ich es gewohnt, viel zu arbeiten und so war erstmal meine größte Herausforderung anzuerkennen, dass ich mein Pensum herunterfahren musste. Quasi auf ein Minimum. Das bedeutet: Eine E-Mail kann auch mal das Höchstpensum sein. Sich dabei nicht „faul“ zu fühlen oder unzufrieden zu werden, musste ich erst lernen. Und auch, dass ich nun erstmal einen neuen Job habe: Er heißt Leo und ist zuckersüß. Zugegeben, ich habe unterschätzt, wie viel Zeit ein Baby erstmal in Anspruch nimmt, aber klar, woher soll man das auch vorher wissen. Du hast keine Ahnung, was für ein Baby du bekommen wirst und kannst auch nicht erahnen, wie es dir mit der Umstellung gehen wird, wie müde oder fit du sein wirst – es gibt einfach zu viele Unbekannte in dieser Gleichung.

Selbstständig als Mutter zu sein, birgt ein paar zusätzliche Schwierigkeiten: Ich kann keine 2, 3 Jahre daheim bleiben und danach wieder einsteigen, als wäre nichts gewesen. Mein Unternehmen besteht aus exakt einer Persion – meiner Wenigkeit – und wenn die fehlt, dann herrscht Stillstand. Einkommen: Null.
Klar, mein Partner und ich halten zusammen und von daher nage ich sicher nicht am Hungertuch. Aber es geht um mehr, als das rein Finanzielle. Es war ein sehr langer Weg, um an den Punkt zu kommen, den ich erreicht habe, nämlich von der Fotografie leben zu können. Ich bin stolz darauf. Und ich bin noch lange nicht am Ende, habe noch viele Ideen und liebe das Gefühl von finanzieller Unabhängigkeit. Jetzt diejenige zu sein, die finanziell kaum etwas einbringen kann, ist die zweite große Herausforderung, der man begegnet. Für mich war hier ein Umdenken der Schlüssel, das Anerkennen von „Care Arbeit“. Ein Begriff, über den ich erst als Mama gestolpert bin. Klar, jetzt betrifft es mich ja auch volle Breitseite. Denn auch Mama sein ist ein Job. Vollkommen unabhängig davon, ob du ihn gerne machst und dein Kind über alles liebst. Es. ist. Arbeit. So viel es mir leichter die Hilfe von meinem Partner eben nicht als „Hilfe“ anzusehen, sondern als faire Aufteilung für den Fakt, dass ich erstmal den größeren Anteil an der Babybetreuung leiste. Nur ein kleiner gedanklicher Perspektivenwechsel, aber unglaublich wichtig.


Und es wurde einfacher. Mit jedem Monat erlangt man mehr Routine und versteht sich besser. Kann Bedürfnisse schneller erkennen. Irgendwann kommt die Beikost und schenkt dir eine große Portion Freiheit zurück, denn du bist nicht mehr die Alleinversorgerin. Mir fiel ab da eine riesengroße mentale Last von den Schultern zu wissen, mein Kind muss ohne mich nicht hungern. Jemand anderes kann ihn füttern. Es hängt nicht mehr alles von mir ab. Ab Mai begann ich wieder kleinere Aufträge anzunehmen und im Juli auch Reportagen von mehreren Stunden. Es funktionierte reibungslos. Was ich allerdings nicht auf dem Schirm hatte: Das Mentale. Schon wieder. Vor jedem Auftrag die Sorge ob alles klappen würde. Tränen. Der Kopf, der dir die schlimmsten Szenen von einem stundenlang weinendem Baby abspult. Es fiel mir so schwer ihn allein zu lassen. So viel schwerer als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Das sind sie also, diese Hormone und Muttergefühle, von denen alle immer geredet haben. Von denen ich dachte, dass das alles komplett übertrieben sei. Sowas haben doch nur diese Helikoptermütter. So bin ich doch nicht. Haha, wie naiv.

Ich will nicht lügen, arbeiten und Mama sein war härter als gedacht. Öfters wurde ich gefragt, wie ich das alles schaffe – Baby, Arbeit, auch noch der Hund dazu. Tagsüber Mama, nachts Unternehmerin. Das zehrt an der Kraft und die Wahrheit ist: Es läuft mal gut und es läuft auch mal beschissen. Und so habe ich dieses Jahr ab September wieder begonnen, die Bremse zu ziehen. Musste lernen, viele Aufträge abzusagen – die dritte große Herausforderung für mich. Grenzen erkennen und danach zu handeln. Ich bin noch nicht sehr gut darin, aber ich übe.

Was waren sie also, die drei größten Lernprozesse am Mama und Selbstständig sein?

Zu Allererst nimmst du dir einen dicken fetten Textmarker und schreibt auf ein großes Stück Papier den Namen deines Kindes. Und darunter: Das ist jetzt erstmal dein Hauptjob. Alles, was du noch zusätzlich schaffst, ist toll. Wenn du es nicht schaffst, ist es auch toll. Du bist toll.

Dann schnapp dir eine neue Farbe und notiere: Mama zu werden ist ein harter Job und Hilfe anzunehmen, bringt mich nicht in eine schwache Position oder macht mich zum Opfer – es ist einfach nur f a i r . Denn: Du wirst keine bessere Mutter, nur weil du dir alles aufbürdest oder weil deine Mutter das ja auch damals alles geschafft hat. Du wirst höchstens eine müde und unglückliche Mutter. Du bist weder ein Andenmuli, noch musst du irgendjemanden beweisen, wie viel du schaffst. Am wenigsten dir selbst.

Und drittens: Manchmal muss man absagen. Anderen Kunden, Freunden, whatever. Das fühlt sich verdammt blöd an und ja, auch finanziell schießt man sich damit selbst ins Knie. Aber am Ende wird niemand sonst deine Grenzen wahren und beschützen. Einfach, weil sie niemand außer dir kennt. Also beschütze sie.


Hier angekommen stelle ich fest, wie wohltuend es ist, diese Zeilen nochmals schwarz auf weiß aufzuschreiben. Sie mir erneut ins Gedächtnis zu rufen. Ich hoffe, das können sie auch bei euch bewirken. Egal, ob ihr Selbstständig seid oder nicht, denn eigentlich gilt das Meiste von dem, was hier steht für jede einzelne Mutter da draußen. Schreibt mir gerne eure Gedanken dazu, ich freue mich immer über einen Gedankenaustausch.


Ihr seid genau so, wie ihr es macht die richtige Mama für euer Baby.
Seid lieb zu euch.

Bilder von meiner großartigen Simone von Selene Adores.

Von wem sonst. Mein Herz, ich danke dir so sehr für deine Arbeit. ♥

Kommentare

Wunderbar geschrieben.
Und Hilfe von Helfenden anzunehmen ist auch eine Freude für Helfende .
Mach weiter so…ihr macht das Toll

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